„Unterschiedliche Falldefinitionen erschweren die Forschung“
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Die Publikation „Long/Post-COVID-Falldefinitionen in nationalen Forschungsprojekten – Ergebnisse einer Online-Befragung“ wurde kürzlich veröffentlicht. In diesem Interview erläutert die Erstautorin Dr. Lisa Kümpel die zentralen Ergebnisse der Studie und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Long-/Post-COVID-Forschung ergeben. Dr. Lisa Kümpel ist Wissenschaftlerin am Robert Koch-Institut.
Wie werden Long- und Post-COVID derzeit in der Forschung definiert?
In der aktuellen Forschung existieren bislang keine einheitlichen Terminologien und Falldefinitionen für Long/Post-COVID. Der übergeordnete Begriff „Long COVID“ wird in Anlehnung an die 2020 veröffentlichte britische Leitlinienempfehlung des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) zur Bezeichnung von Symptomen verwendet, welche mindestens vier Wochen nach der SARS-CoV-2-Infektion vorliegen.
Viele nationale und internationale Forschungsprojekte orientieren sich jedoch an der Falldefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2021. Demnach liegt ein „Post-COVID-19-Zustand“ vor, wenn Symptome drei Monate nach einer bestätigten oder wahrscheinlichen SARS-CoV-2-Infektion vorliegen, mindestens zwei Monate anhalten und nicht durch eine andere Erkrankung erklärt werden können. Die Symptome wirken sich in der Regel auf die Alltagsfunktion aus und können nach der akuten COVID-19-Erkrankung neu auftreten, bestehen bleiben oder wiederkehren. Im Jahr 2024 veröffentlichten die wissenschaftlichen Nationalakademien „National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine“ (NASEM) der USA eine erweiterte Long-COVID-Definition, welche auch die wissenschaftliche Evidenz berücksichtigt, die seit der Veröffentlichung der WHO-Falldefinition dazugekommen ist.
Welche Unterschiede bestehen zwischen den Definitionen der WHO und der NASEM?
Im Gegensatz zur eher symptombasierten WHO-Falldefinition begreift die NASEM-Falldefinition „Long COVID“ umfassender als einen infektionsassoziierten chronischen Krankheitszustand, der mindestens drei Monate andauert und neben Symptomen auch Neuerkrankungen sowie die Verschlechterung von Vorerkrankungen einschließt. Der Ausschluss anderer Diagnosen ist somit keine Voraussetzung. Ein weiterer wichtiger Unterschied zur WHO-Falldefinition besteht darin, dass Long COVID nach NASEM-Definition auch nach unbemerkter Infektion vorliegen kann.
Sie und weitere Autorinnen haben zum Thema Long-/Post-COVID-Falldefinitionen eine Befragung unter deutschen Forschungsprojekten durchgeführt. Was war das Ziel dieser Befragung?
Ziel unserer Befragung war es, einen Überblick über verwendete Long/Post-COVID-Falldefinitionen und Erhebungsinstrumente in der deutschen Forschungslandschaft zu gewinnen und aus Sicht der befragten Forschungsakteurinnen und -akteure Harmonisierungsbedarfe zu identifizieren. Dafür haben wir insgesamt 128 Forschungsakteurinnen und -akteure angeschrieben und zu einer Online-Befragung eingeladen. Davon nahmen 52 an der Befragung teil. Auch wenn die Ergebnisse nicht auf die gesamte deutsche Forschungslandschaft verallgemeinert werden können, umfasst die Erhebung eine Vielzahl methodisch teils sehr unterschiedlicher Forschungsprojekte. Sie bietet damit einen guten Einblick in den aktuellen Umgang mit Long/Post-COVID-Falldefinitionen und den wahrgenommenen Harmonisierungsbedarf in der deutschen Forschungspraxis.
Welche Rolle spielen nach Ihren Ergebnissen die WHO- und die NASEM-Definition in der Forschungspraxis in Deutschland, und wie werden sie in aktuellen Projekten angewendet?
Die Ergebnisse unserer Online-Befragung zeigen, dass sich die Mehrheit der befragten Forschungsprojekte für ihre Studiendefinition an der WHO-Falldefinition eines Post-COVID-19-Zustands orientieren (70 Prozent) oder dies zumindest teilweise tun (19 Prozent). Ein Großteil der Projekte erfasst dabei Kernaspekte wie das Vorliegen von Long/Post-COVID basierend auf mindestens einem Long/Post-COVID-assoziierten Symptom (91 Prozent), eine Symptomdauer von mindestens zwei Monaten (77 Prozent) und einen zeitlichen Abstand von zwölf Wochen zur Infektion (49 Prozent). Die Aspekte der NASEM-Falldefinition wie das Auftreten von Neuerkrankungen oder die Verschlechterung von Vorerkrankungen infolge einer SARS-CoV-2-Infektion werden hingegen seltener berücksichtigt.
Für eine künftige einheitliche Falldefinition stuften die teilnehmenden Forschenden die abgefragten Kriterien der WHO-Falldefinition, insbesondere den Ausschluss anderer Diagnosen (74 Prozent) und den Infektionsnachweis (64 Prozent), als sehr wichtig ein. Die abgefragten Aspekte der NASEM-Falldefinition wurden von den Teilnehmenden im Vergleich zu den WHO-Kriterien als weniger wichtig für eine harmonisierte Falldefinition bewertet. Insgesamt besteht unter den Befragten ein großer Konsens (81 Prozent) darüber, dass eine Harmonisierung der Falldefinition und verwendeter Erhebungsinstrumente sehr wichtig ist, um eine bessere Vergleichbarkeit von Studienergebnissen zu gewährleisten. Zudem besteht der Wunsch nach einer besseren Zusammenarbeit zwischen Long/Post-COVID-Forschungsprojekten.
Welche Probleme ergeben sich in der Forschung durch fehlende einheitliche Falldefinitionen für Long- und Post-COVID?
In aktuellen wissenschaftlichen Studien werden häufig unterschiedliche Falldefinitionen und Terminologien verwendet, die teilweise auch noch angepasst oder gar nicht eindeutig benannt werden. Das kann dazu führen, dass die Ergebnisse verschiedener Studien nur eingeschränkt vergleichbar sind. Dadurch können beispielsweise Angaben zur Häufigkeit oder zu Krankheitsverläufen stark variieren und auch die Zusammenführung von Daten aus verschiedenen Studien ist erschwert. Insgesamt verlangsamt dies den Aufbau einer belastbaren Evidenzbasis auch für die Versorgung von Long/Post-COVID.
Warum ist aus Ihrer Sicht eine Harmonisierung von Falldefinitionen und Erhebungsinstrumenten in der Long-/Post-COVID-Forschung wichtig?
Einheitliche Standards für Falldefinitionen und Erhebungsinstrumente sind essenziell, um die Vergleichbarkeit von Studienergebnissen zu ermöglichen und belastbare Prävalenzschätzungen zu gewährleisten. Zudem kann eine einheitliche Erfassung sowohl die Wissenschaftskommunikation verbessern als auch die Übertragbarkeit von Erkenntnissen in die klinische und gesundheitspolitische Praxis erleichtern. Die Ergebnisse unserer Befragung betonen die Notwendigkeit von Bestrebungen zur Harmonisierung und liefern aus Sicht der Forschenden in Deutschland wichtige Hinweise, welche zentralen Definitionsaspekte hierbei Berücksichtigung finden sollten.
Welche Bedeutung haben internationale Unterschiede in Falldefinitionen für die Zusammenarbeit und den Vergleich von Studien zwischen verschiedenen Ländern?
Internationale Unterschiede in den Long/Post-COVID-Falldefinitionen erschweren den Vergleich von Studienergebnissen und die Synthese epidemiologischer Daten, insbesondere im Hinblick auf Prävalenzschätzungen. Eine stärkere internationale Harmonisierung – beispielsweise auf Basis der WHO-Definition oder auf Basis des international konsentierten „Core Outcome Sets“, welches zentrale Zielgrößen bzw. Symptomgruppen von Long/Post-COVID beschreibt – wird in der internationalen Literatur daher oft als notwendiger Schritt vorgeschlagen, um die Forschung zu Long/Post-COVID effektiv voranzutreiben.