„PROMs verbessern die Gesundheitsversorgung und können Gesundheitssysteme weiterentwickeln“
V. l. n. r.: Eva Morawa | © Universitätsklinikum Erlangen, Yesim Erim | © Universitätsklinikum Erlangen
In diesem Interview beschreiben Univ. Prof. Dr. med. (TR) Yesim Erim und PD Dr. rer. medic. Dr. habil. med. Eva Morawa vom Universitätsklinikum Erlangen und dem Projekt EMOPROM LCN die Bedeutung von Patient-Reported-Outcome Measures (PROMs) in der Erforschung von postinfektiösen Erkrankungen wie Long COVID.
Welche Rolle spielen Patient-Reported Outcome Measures beim Post-COVID-Syndrom?
Yesim Erim: Da bislang keine eindeutigen diagnostischen Biomarker für das Post-COVID-Syndrom (PCS) identifiziert worden sind, kommt den Patient-Reported Outcome Measures (PROMs), also den standardisierten und validierten Fragebögen, mit denen subjektive Gesundheitsmerkmale wie zum Beispiel die Symptomausprägung oder der Krankheitsverlauf systematisch aus der Sicht der Betroffenen erfasst werden, eine besondere Bedeutung zu. Denn sie bieten einen strukturierten Ansatz zur Beurteilung von Symptomen, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität aus der Perspektive der Patientinnen und Patienten. Im Kontext der PCS stellen PROMs oft einen der wenigen, leider noch seltenen strukturierten Ansätze dar, um die subjektiven Krankheitserfahrungen von Patientinnen und Patienten über einen längeren Zeitraum systematisch zu erheben.
Darüber hinaus können aggregierte PROMs-Daten, etwa auf Bevölkerungsebene, dabei helfen, Muster oder Ungleichheiten im Krankheitsverlauf zu erkennen und tragen somit zu einer verbesserten Versorgungsqualität und gesundheitspolitischen Entscheidungsfindung bei. PROMs unterstützen somit nicht nur die individuelle Versorgung, sondern bieten auch ein potenzielles Instrument zur systematischen Weiterentwicklung von Gesundheitssystemen.
Welche spezifischen Symptome des Post-COVID-Syndroms lassen sich mithilfe von PROMs besonders gut erfassen?
Eva Morawa: Mithilfe von PROMs lassen sich vor allem die häufigsten Symptome des Post-COVID-Syndroms gut erfassen, nämlich die Fatigue, die postexertionelle Malaise, Schmerzen, Schlafstörungen und depressive Symptome. Neben den spezifischen PCS-Symptomen kann mit PROMs auch der selbstberichtete Schweregrad des PCS, gemessen zum Beispiel mit dem PCS-Score von Bahmer et al. (2022), bestimmt werden. Des Weiteren können PROMs auch eingesetzt werden, um weitere im Kontext der Erkrankung relevante Aspekte systematisch zu erfassen, zum Beispiel die gesundheitsbezogene Lebensqualität, die Krankheitsbewältigungsstrategien oder individuelle Ressourcen wie das Kohärenzgefühl (= die psychische Widerstandsfähigkeit). Die PROMs sind also gut geeignet, um einerseits auf der Symptomebene und andererseits auf der Ressourcenebene individuelle Bedürfnisse und Therapiebedarfe zu detektieren und entsprechende Maßnahmen für Behandlungsoptionen aus den Ergebnissen ableiten zu können.
Welche Vorteile bieten PROMs gegenüber rein klinischen Messverfahren bei der Beurteilung von Post-COVID-Patientinnen und -Patienten und können subjektive Wahrnehmungen der Befragten objektiviert werden?
Yesim Erim: Da die PCS-Symptome, wie etwa die Fatigue, häufig nicht durch routinemäßige klinische oder laborchemische Parameter nachgewiesen werden können, stellt die subjektive Patientensicht mittels der PROMs oft die einzige Möglichkeit dar, Beschwerden überhaupt messbar zu machen. Außerdem kann mit PROMs nicht nur ein breites Spektrum von Symptomen erfasst werden, sondern es können auch weitere im Kontext der Erkrankung relevante Aspekte wie Auswirkungen der Erkrankung auf die Lebensqualität und die Funktionsfähigkeit zielgenau und valide gemessen werden. Die gleichzeitige Erfassung mehrerer PROMs bietet zudem gegenüber rein klinischen Messverfahren, die bestimmte Parameter isoliert bestimmen, den Vorteil, dass ein differenziertes Profil der Patientinnen und Patienten erstellt werden kann, das Bedarfe aber auch Ressourcen der Betroffenen berücksichtigt und somit für die Ableitung patientenzentrierter Therapiemaßnahmen nützlich sein kann. Ferner gibt es auch empirische Evidenz dafür (vgl. Dinkel & Jahnen, 2024), dass die routinemäßige Erfassung von PROMs unter anderem mit besserer Arzt-Patient-Kommunikation, Symptombesserung sowie höherer Patientenzufriedenheit, Lebensqualität und Überlebensdauer assoziiert ist.
Subjektive Wahrnehmungen der Befragten können wissenschaftlich gut objektiviert werden, auch wenn der Einfluss subjektiver Verzerrungen, wie etwa des Recall-Bias (= Erinnerungsverzerrung), auf die Ergebnisse nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann. Durch den Einsatz standardisierter, validierter und nach Möglichkeit normierter Fragebögen werden Patientenangaben messbar, statistisch auswertbar und vergleichbar gemacht. Die Auswahl geeigneter, international etablierter Messinstrumente, die gute psychometrische Eigenschaften aufweisen, wie vor allem die Reliabilität (= Messgenauigkeit) und Validität (= Gültigkeit), ferner aber auch die Veränderungssensitivität, erhöhen die Objektivität der PROMs.
Wie sieht Ihre Arbeit zu PROMs und dem Themenfeld generell aus?
Eva Morawa: PROMs werden sowohl in unseren wissenschaftlichen Projekten als auch in der klinischen Versorgung regelmäßig eingesetzt. Wir nutzen dazu eine webbasierte Fragebogen-Batterie, die wir je nach Fragestellungen unserer Studien und den Zielgruppen, die wir untersuchen möchten, flexibel anpassen können. Besonders der prospektive Einsatz von PROMs liefert wertvolle Erkenntnisse zu Krankheitsverläufen, aber auch zum Beispiel zur Wirksamkeit unserer Therapien. Vor kurzem ist eine Publikation aus unserer Arbeitsgruppe zu den Effekten unserer stationären Post-COVID-Behandlung erschienen (Koller et al., 2026). Die Analyse der PROMs zeigt uns, welche Elemente bereits gut funktionieren und wo noch Optimierungsbedarf besteht.
Eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Einsatz von PROMs spielt die Harmonisierung von projektübergreifend verwendeten Fragebogen-Batterien für spezifische Versorgungskontexte. Dies geschieht etwa in dem vom Bundesgesundheitsministerium geförderten EMOPROM LCN-Projekt (Multizentrische und interdisziplinäre Studie zur webbasierten Erfassung von Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) im Long COVID Netzwerk des ambulanten, stationären und rehabilitativen Sektors in Zusammenarbeit mit Patientinnen und Patienten), dessen Gesamtprojektleitung Prof. Dr. Yesim Erim innehat, oder der LongCARE-Initiative. Damit können vergleichbare, große Datensätze über verschiedene Projekte hinweg generiert werden.
Inwiefern können PROMs dazu beitragen, Veränderungen im Verlauf frühzeitig zu erkennen und therapeutische Maßnahmen anzupassen?
Yesim Erim: PROMs werden in der klinischen Versorgung und Forschung weit verbreitet eingesetzt, um die prospektive Überwachung individueller Krankheitsverläufe, die Identifizierung von Prädiktoren für Persistenz oder Besserung sowie die Bewertung von Behandlungseffekten zu ermöglichen. PROMs können eine patientenzentrierte Versorgung unterstützen, indem sie die Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzten erleichtern, individuelle Bedürfnisse erfassen und maßgeschneiderte Behandlungsstrategien ermöglichen.
Der Einsatz von PROMs in regelmäßigen zeitlichen Abständen zur kontinuierlichen Erfassung des Krankheitsverlaufs bietet die Möglichkeit, schwere Verläufe zu identifizieren und Risiko- und Schutzfaktoren zu analysieren. Ferner können auch klinische Cluster detektiert und deren Einfluss auf den Krankheitsverlauf untersucht werden. Diese auf den PROMs basierenden Ergebnisse könnten dann Anhaltspunkte für gezieltere patientenzentrierte therapeutische Maßnahmen bieten.
Unsere Interviewpartnerinnen
Univ. Prof. Dr. med. (TR) Yesim Erim ist Professorin für Psychosomatische und Psychotherapeutische Medizin, Leiterin der gleichnamigen Abteilung und Sprecherin des Post-COVID-Zentrums am Universitätsklinikum Erlangen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie leitet zudem das Projekt EMOPROM LCN, das zur Plattform LongCARE des Förderschwerpunktes Long COVID des Bundesministeriums für Gesundheit gehört.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Psychosomatische Aspekte beim Post-COVID-Syndrom, Migrationspsychosomatik, Transplantationsmedizin, Psychoonkologie.
PD Dr. rer. medic. Dr. habil. med. Eva Morawa ist Diplom-Psychologin, Diplom-Theologin und Psychologische Psychotherapeutin (VT und klärungsorientierte Psychotherapie). Sie ist Leiterin der Forschungsabteilung der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen.
Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen neurokognitive und psychische Faktoren beim Post-COVID-Syndrom; psychische Gesundheit in der COVID-Pandemie; Migration und Gesundheit; Religiosität und Gesundheit.
Hier finden Sie die Publikation “Treatment effects of multimodal inpatient psychotherapy for post-COVID patients: First results from a non-randomized, controlled study”: